Zwei Tage Weltgeschichte mit Alois Mock

Es ist genau 30 Jahre her, dass für den damaligen österreichischen Außenminister Alois Mock zwei historisch bedeutsame Termine fast zusammenfielen. Am 27. Juni 1989 durchschnitt er gemeinsam mit seinem ungarischen Amtskollegen Gyula Horn in Ödenburg symbolisch den Eisernen Vorhang und öffnete so für den sogenannten Ostblock das Tor zu Europa. Und nur 48 Stunden später, am 29. Juni, erhielt Alois Mock vom österreichischen Parlament den Auftrag, in Brüssel den Beitritt Österreichs zur Europäischen Union zu beantragen. Zwei Ereignisse, die nur auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben, aber für die nächsten Jahre das Leben nicht nur des Alois Mock, sondern aller Österreicher bestimmen sollten.

Am 27. Juni 1989 schneidet Alois Mock symbolisch ein Loch in den Eisernen Vorhang. © NÖN

Von Franz Rohrhofer
Es war sicher kein Zufall, dass Alois Mock diese entscheidende Doppelrolle für die Entwicklung Europas zufiel. Als Niederösterreicher war ihm die „tote Grenze“ ein ständiges Mahnmal für die Spaltung Europas, und den Europagedanken hatte er schon als Student in Bologna und Brüssel und als OECD-Vertreter in Paris in sich aufgesogen. 1987 wurde er in der rot-blauen Bundesregierung unter Franz Vranitzky Außenminister mit der besonderen Herausforderung, Beitrittsverhandlungen mit Brüssel einzuleiten und zu führen.

Beide historischen Ereignisse, der Fall des Eisernen Vorhangs und der Weg Österreichs in die EU, kumulierten zur gleichen Zeit. Es sollte sich allerdings herausstellen, dass die Geschwindigkeiten, mit denen diese Prozesse abliefen, sich völlig verschieden entwickelten.
Den Weg in Richtung EU hatten die beiden Regierungsparteien bereits 1987 eingeschlagen, um Österreich den Binnenmarkt in Europa zu sichern. Am 17. Juli 1989 konnte Alois Mock in Brüssel das Beitrittsansuchen übergeben. Doch nach diesem raschen Start zogen sich die Verhandlungen.

Ein überglücklicher Alois Mock nach fünf Jahren zäher Verhandlungen mit der EU

Erst im Dezember 1992 beschlossen die Staats- und Regierungschefs der EU die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit Österreichs, übrigens gleichzeitig mit Schweden, Finnland und Norwegen. Erst im März 1994 konnten die letzten großen Hürden mit Regelungen für den Transit und die Landwirtschaft überwunden werden.

Von der letzten großen Marathonsitzung am 1. März ist vor allem ein Bild historisch geworden: Alois Mock gibt um Mitternacht seiner Staatssekretärin Brigitte Ederer überglücklich das berühmte „Busserl“. Dann ist der Bann gebrochen. Im Juni 1994 bekennen sich zwei Drittel der Österreicher in einer Volksabstimmung zur EU, ab 1. Jänner 1995 gehört Österreich zur Europäischen Gemeinschaft.

Der Eiserne Vorhang fällt rascher als erwartet

Dass das Ende des Eisernen Vorhangs und der Berliner Mauer bevorstehen könnten, glaubte vor 30 Jahre kaum jemand. Zu lange lebte man schon entlang der „toten Grenze“ mit Stacheldrahtsperren, Wachtürmen und schussbereiten Grenzsoldaten. Nur selten zeigten sich in Oberösterreich Löcher im Eisernen Vorhang: Bei einem Radrennen von Linz nach Budweis, als Friedensfahrt ausgeschrieben, dürfen im November 1988 die Sportler (nicht aber die Funktionäre!) die Grenze ohne Halt und Passkontrolle passieren. Wenige Monate später treffen sich die Bürgermeister des Grenzraums in Oberösterreich.

Auf Öffnung der Grenze besteht kaum Hoffnung: Als Landeshauptmann Josef Ratzenböck Anfang September 1989 in Budweis und Prag den freien Zugang in die Tschechoslowakei als großen Wunsch deponiert, wird ihm von den Gastgebern höflich-reserviert entgegengehalten, dass dies „in diesem Jahrtausend sicher nicht möglich sein wird“.
Eine ähnliche Erfahrung machte auch Alois Mock, als er im Mai 1989 mit dem tschechoslowakischen Außenminister Bohuslav Chnoupek in Bratislava zusammentraf. Chnoupek, der aus einer Grenzstadt stammte, erzählte, wie er als Bub mit dem Fahrrad hinüber nach Österreich zum Fußballspielen gefahren sei. „Wäre schön, wenn man das wieder tun könnte“, meinte Mock. „Durchaus“, lachte Chnoupek, „aber zu unseren Lebzeiten wird das nicht mehr passieren.“

Der große Augenblick war gekommen

Nur zwei Monate später, am 11. Dezember 1989, dann das „Wunder“ und der große Augenblick: Nach dem Vorbild von Alois Mock an der ungarischen Grenze durchtrennen Landeshauptmann Ratzenböck und der Kreisvorsitzende von Südböhmen, Miroslav Senkyr, in Wullowitz den Stacheldraht und öffnen die Grenze. Möglich wurde dies, weil nach dem Vorbild Ungarns und angesichts der politischen Umwälzungen in den kommunistischen Oststaaten — die Berliner Mauer fiel am 9. November — die CSSR ab dem 5. Dezember mit dem Abbau des Eisernen Vorhangs entlang der Grenze zu Ober- und Niederösterreich begonnen hatte. Für die Oberösterreicher nicht nur im Grenzraum, sondern aus allen Landesteilen begannen nun Wochen des Erkundens der neuen „Freiheit“ in der bisherigen Todeszone.

Das Durchtrennen des Stacheldrahts an der Grenze zur Tschechoslowakei wurde nun zu einem medialen Ereignis. Zahlreiche Journalisten rückten an, Fotoapparate wurden gezückt und Kameras postiert. Auch dies war eine Wende. Im Juni hatten Österreichs Journalisten noch nicht so recht an den großen Umbruch entlang des Eisernen Vorhangs geglaubt. Sein Fall reizte kaum zu größeren Storys. Die Austria Presseagentur hatte nur in einer kurzen Meldung berichtet und die Bundesregierung die Entwicklung in Aussendungen begrüßt.

Schlagzeile im Neuen Volksblatt am 12. Dezember 1989.

Auch das Neue Volksblatt begnügte sich am 28. Juni noch mit dem Mock-Foto und einem Zweispalter am nächsten Tag. Erst im Dezember wurde die Öffnung der Grenzen zum großen medialen Thema. Das Neue Volksblatt erfand die hübsche Schlagzeile: „Jetzt verliert die Grenze ihre Stacheln“. Im Vordergrund stand allerdings weniger die Überwindung der Spaltung Europas, sondern ob Linz und Oberösterreich der Reisewelle von freiheitshungrigen Gästen aus dem Norden gewachsen sein würden.

Und 30 Jahre später? Die ehemaligen Länder des Ostblocks hinter dem Eisernen Vorhang sind heute Teil der Europäischen Union. Alois Mocks Vision, die sich an zwei Tagen im Juni 1989 kumuliert hat, scheint in Erfüllung gegangen zu sein. Man kann sich aber des Eindrucks nicht erwehren, dass Reste des ehemaligen „Vorhangs“ noch immer im Raum schweben, sieht man sich die Europa-Gesinnung von Politikern in manchen Ländern jenseits der ehemals „toten Grenze“ an.

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