Zweite Chance auf Leben

Unerwünscht, ausgesetzt, gequält: Hunderte Haus- und Nutztiere landen jedes Jahr in den oberösterreichischen Tierauffangstationen. Zum Welttierschutztag am 4. Oktober öffnen die meisten Tierheime und -höfe heute ihre Pforten, laden zum „Tag der offenen Tür“ und machen dabei auf die oftmals schlimmen Schicksale ihrer Bewohner und ihre Arbeit aufmerksam. So auch die Pfotenhilfe Lochen, die in der kleinen Innviertler Gemeinde mehr als 500 Tiere aus 25 Arten beherbergt.

Jedes Jahr bewältigt die Pfotenhilfe eine regelrechte Katzenbaby-Flut. Um die 200 großteils kranke Tiere mussten Johanna Stadler und Ehemann Jürgen heuer großziehen. © Enöckl

Wer im Tierschutz arbeitet, der braucht nicht nur ein großes Herz, er muss auch anpacken können. „Unsere Arbeit bedeutet nicht, mit den Tieren kuscheln, sondern zu einem großen Teil füttern, ausmisten und im Bedarfsfall auch Ställe und Weiden ausbessern!“ Pfotenhilfe-Geschäftsführerin Johanna Stadler muss regelmäßig Bewerbern ihre rosarote Tierwelt zurechtrücken.

Gemeinsam mit Ehemann Jürgen und 15 Mitarbeitern betreibt die Tierschützerin seit nunmehr acht Jahren den Verein Pfotenhilfe, einen Tierschutzhof für Haus-, Nutz- und Wildtiere, idyllisch in der Innviertler Landschaft des Bezirks Braunau gelegen. Ursprünglich wurde der ehemalige Gnadenhof im Jahr 2006 von der Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“ übernommen, mittlerweile ist die Pfotenhilfe unabhängig.

Problematische Selbstversorgung

Auf dem fünf Hektar großen Grundstück gibt es aber vor allem eines: Jede Menge Nutztiere. Vom Federvieh — Gänse und Hühner, Truthühner — bis zu den „Hufern“ — allen voran Ziegen, aber auch Schafe, Schweine, Pferde und Esel sowie drei vorm Schlachter gerettete Lamas bevölkern die Weiden. Von den Nutztieren landen immer mehr in der Obhut von Tierschützern.

„Seitdem es populär geworden ist, sich selbst zu versorgen, steigt die Zahl an Ziegen oder Hähnen spürbar“, erzählt Stadler. Oft bedenken die Leute nicht, dass die Tiere größer und älter werden und auch versorgt werden müssen. Hühner etwa werden bis zu zehn Jahre alt, Ziegen und Schafe leben sogar 12 bis 15 Jahre. Bei der Federviehhaltung kommt auch noch dazu, dass krähende Hähne in Wohngebieten oft zu nachbarschaftlichen Problemen führen. Zu guter Letzt landen viele Tiere dann (bestenfalls) in solchen Auffangstationen. Daher sei der Bedarf an Gnadenhöfen auch riesig, sagt Stadler.

Für die beiden Betreiber ist es daher fast ein 24-Stunden-Job. Vor allem dann, wenn es gilt, Jungtiere zu versorgen. „Nach einem Zehn- bis 12-Stunden-Tag geht es mit bis zu 150 Tieren im Bus heim“, schmunzelt Jürgen Stadler. Dort müssen nicht nur die eigenen Tiere (Hühner, Wachteln, Meerschweinchen, Laufenten, Katzen und Hunde) versorgt werden, sondern auch die Findlinge, und dazu zählen auch Wildtiere wie Vögel, Eichhörnchen. Derzeit sind es die Igelkinder, im Sommer vor allem die Baby-Kätzchen, die alle paar Stunden gefüttert werden müssen.

Bis zu 150 Samtpfoten treiben sich daher aktuell am Hof herum. Sie dürfen ihre Freiheit ebenso genießen, wie alle anderen Bewohner, wenn sie wollen, das ganze Jahr über. „Der Freilauf ist uns besonders wichtig“, sagen die Stadlers. „Daher haben wir auch relativ wenig Hunde, 20 derzeit, damit wir die Möglichkeit haben, sich jedem einzelnen an jedem Tag zu widmen“, so die 40-Jährige. Einige haben es ganz besondern nötig: Rolli-Hunde wie der kleine Medienstar „Karli“, dem in Rumänen beide Hinterläufe abgehackt worden waren, oder „Sunny“, die durch Schläge einen so heftigen Bandscheibenvorfall erlitten hat, dass an Gehen derzeit nicht zu denken ist. Mitarbeiter Vinzenz Janacek kümmert sich derzeit um alle fünf Rollstuhl-Hunde.

Bewusstseinsbildung und Zusammenarbeit

Die Pfotenhilfe ist eine jener Tierschutzeinrichtungen, die besonders intensiv in die Öffentlichkeit gehen, um das Tierleid für die Menschen sichtbar zu machen. Es sind die schlimmsten der vielen schlimmen Fälle, mit denen die Tierschützer jedes Jahr konfrontiert werden, die in den Medien landen: Die Kätzchen mit abgeschnittenen Zehen oder verbrannten Pfötchen oder eben Rolli-Hund „Karli“. Die Tierschicksale rühren ans Herz und belasten auch die Helfer emotional. Bei der Medienarbeit geht es nicht nur darum, Spenden zu lukrieren — die Pfotenhilfe ist enorm darauf angewiesen — „es geht vor allem um Bewusstseinsbildung für den Tierschutz“, betont Stadler. Es sei in den letzten Jahren besser geworden, sagt sie. Wurden früher Katzenkinder auf Höfen ertränkt, bringen sie die „Jungen“ nun ins Tierheim. Aber dies reiche noch lange nicht. Im Tierschutz müsse man an einem Strang ziehen. Von Streitereien unter Tierschützern halten die Stadlers gar nichts: „Bei unserer Arbeit müssen wir alle zusammenarbeiten, um Erfolg zu haben“, sagen sie.
Tonnenweise Futter

Eine große Herausforderung im Tierschutz ist die Finanzierung. Bis zu 200.000 Euro im Jahr betragen die Tierarztkosten. Dazu kommt die Verpflegung der Tiere. Immerhin werden täglich unter anderem 250 Kilo Heu, 40 Dosen Hunde- und 100 Dosen Katzenfutter benötigt, dazu kommt eine Tonne Obst und Gemüse im Monat für Kaninchen & Co. Das benötigte Heu kommt von den 10 Hektar gepachteten Wiesen. Geschäfte aber auch Privatpersonen helfen glücklicherweise immer wieder mit Futterspenden aus. Von der rund 150-köpfigen Hühnerschar erhält der Hof zudem bis zu 200 Eier am Tag. Darüber freuen sich nicht nur die Zwei- sondern auch so mancher Vierbeiner. Rund 400 von ihnen finden jedes Jahr über die Pfotenhilfe neue Besitzer — für die meisten von ihnen ist der Hof im Innviertel aber nicht nur letzte Rettung sondern auch letztes Zuhause.

Info: www.pfotenhilfe.org

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