Zwischen Idylle und Erregung

Die Zeit heilt alle Wunden. Wie wurde aus dem Autor Thomas Bernhard, dessen Stück „Heldenplatz“ bei seiner Uraufführung mit Pferdemist vor dem Burgtheater bedacht wurde, der Gefeierte der Nation, dessen 30. Todestag reihum gedacht wird? Wie wurde aus dem Geschmähten, dessen Werk als bloße Provokation diffamiert wurde, einer der bedeutendsten österreichischen Autoren, dessen Bücher zur Weltliteratur zählen?

In Erwartung: Thomas Bernhard bei der Generalprobe seines Stückes „Heldenplatz“ am Wiener Burgtheater 1988. © picturedesk.com/ÖNB-Bildarchiv/Harry Weber

Von Mariella Moshammer

Bereits sein Tod am 12. Februar 1989, drei Tage nach seinem 58. Geburtstag, ließ viele einstmals Erboste sanftere Töne anschlagen. Man zollte ihm tiefen Respekt, ehrte sein literarisches Schaffen. Am 16. Februar wurde Thomas Bernhard am Grinzinger Friedhof beigesetzt, am selben Tag gab die Gendarmerie Gmunden bekannt, dass Herzversagen die Todesursache war, dem vorausgegangen war eine Lungeninfektion.

Bernhard, der zeitlebens unter seiner angeschlagenen Gesundheit litt, die ihren Anfang in seiner Kindheit nahm. Geboren am 9. Februar 1931 im niederländischen Heeren – Bernhards ledige Mutter Herta Bernhard war nach Holland gegangen, um dem Gerede zu entgehen und Arbeit zu finden – wurde er nach wenigen Monaten zu seinen Großeltern nach Wien in Pflege gegeben. 1935 dann die Übersiedlung nach Seekirchen am Wallersee, 1948 bekam Bernhard eine Lungenentzündung und wurde in jenes Krankenhaus eingeliefert, in dem auch sein geliebter Großvater Johannes Freumbichler lag und später starb. Bernhards Leidensweg führte ihn in Krankenhäuser, Lungenheilstätten, …Trotzdem konnte er 1957 ein Regiestudium am Mozarteum abschließen. Viel Zeit verbrachte der junge Bernhard am „Tonhof“ der Familie Lampersberg in Maria Saal. 1963 begann seine Karriere als Autor, bereits 1953/54 veröffentlichte er im VOLKSBLATT mehrere literarische Texte.

Das Trauma seiner Kindheit in fünf Büchern

Sein immenses Werk ist eng mit seinem Leben verbunden. In fünf autobiografischen Büchern („Die Ursache. Eine Andeutung“, „Der Keller. Eine Entziehung“, „Der Atem. Eine Entscheidung“, „Die Kälte. Eine Isolation“ und „Ein Kind“) arbeitet sich Thomas Bernhard am Trauma seiner Kindheit ab, an den ärmlichen Verhältnissen, den Krankheiten. Die Beziehung zum Ehepaar Lampersberg sorgte für einen jener Skandale, für die Bernhard auch den Literaturverweigerern in Erinnerung bleibt. 1984 erschien der Roman „Holzfällen. Eine Erregung“. Die Lampersbergs fühlten sich darin bloßgestellt, gingen vor Gericht, reichten eine Ehrenbeleidigungsklage ein und der Roman wurde in Österreich polizeilich beschlagnahmt. Später zog Lampersberg die Klage zurück, die Verkaufszahlen für „Holzfällen“ schnellten in die Höhe. Den aber wohl noch größeren Skandal löste Bernhards Drama „Heldenplatz“ aus. Durch die Veröffentlichung aus dem Zusammenhang gerissener Passagen kam es zu einer Erregung unvorstellbaren Ausmaßes. Sie gipfelte in wüstesten Beschimpfungen, Angriffen, Pferdemist vor dem Wiener Burgtheater. Am 4. November 1988 die Uraufführung, mit der der Autor und Regisseur Claus Peymann Theatergeschichte geschrieben haben. „Ohne Erregung ist gar nichts“, sagte Bernhard 1984 in einem Interview mit Krista Fleischmann. Und Claus Peymann widmete Bernhard einen Zweizeiler, der auf jene Tafel Bezug nimmt, auf der die Namen aller Direktoren des Burgtheaters verzeichnet werden: „Die Wiener haben mich arg gegeißelt. Zum Glück bin ich in Stein gemeißelt.“

Drei für ihn perfekte Häuser in Oberösterreich

Die Erregung funktioniert am besten im Idyll. Auf Pump kaufte Thomas Bernhard einen alten Vierkanthof. Ein gewagtes Unterfangen angesichts des Zustandes des Steinhauses aus dem 14. Jahrhundert in Ohlsdorf. Doch das Erscheinen seines ersten Romans „Frost“ 1963 ließ den jungen Autor daran glauben, dass es bergauf gehen würde. Neben der Prämie des Bremer Literaturpreises und einem Darlehn setzte er auf die Unterstützung von seinem Verlag und seines „Lebensmenschen“ Hedwig Stavianicek. 1965 kaufte er den Hof und begann mit der aufwendigen Wiederinstandsetzung. Doch bei dem Bauernhaus sollte es nicht bleiben. 1971 erwarb er ein Haus am Grasberg in Gmunden, die „Krucka“, 1972 ein Gebäude in Ottnang. Die Immobilienkauflust als Antrieb für das besessene Arbeiten, das Schreiben. Gerade die Häuser in Ohlsdorf und Gmunden dienten ihm als Quellen, als Orte der Schöpfung. Werke, in denen die Landschaft einfloss, der „Menschenschlag“, … Doch den Häusern galt noch mehr Aufmerksamkeit.

Jeder Winkel im imposanten Vierkanter in Ohlsdorf ist durchdacht, perfekt, nichts könnte an einem anderen Ort so ideal existieren. Bernhard überließ nichts dem Zufall oder der Tradition. Deckenbeleuchtung, Steh- und Tischlampen, Vorhangstangen, Garderobe … entwarf er selbst. Einrichtung und Bilder trug er selbst zusammen. In 15 Jahren ist das Refugium in Etappen entstanden. Die Stallungen wurden zu Wohnräumen, Platz für Rinder wurde neu geschaffen, für Krisenzeiten. Für Holz war gesorgt, sieben Kachelöfen mussten damit befeuert werden. Der Traktor steht noch heute parat: Bekannt die Plakette darauf „Thomas Bernhard. Bauer zu Nathal“. Von 1974 bis 1987 war Bernhard Mitglied des Österreichischen Bauernbundes. Im Haus fühlt es sich an, wie in einer überdimensionalen Puppenstube, in der der pedantische Riese die Ordnung vorgegeben hat, Räume entstehen ließ, die Bühnenbilder sind, unbewohnte Gästezimmer brauchte – eines die exakte Kopie des anderen. Er sprengte sogar Ketten, um die perfekte Vorrichtung zum Aufhängen der Vorhänge zu schaffen.

Die sogenannte „Krucka“ ist oberhalb des Traunsees kaum zu finden, ein verstecktes Kleinod der Ursprünglichkeit. Steht in Ohlsdorf das Haus für den Bauern, ist es am Grasberg jenes der Holzarbeiter, hart und abweisend. Hier entstand ein Ort, an den Bernhard flüchten konnte, da immer häufiger ungebetene Besucher nach Ohlsdorf kamen.
Bernhards drittes Haus steht am Waldrand in der Gemeinde Ottnach bei Wolfsegg. Wieder musste er sich in Schulden stürzen, sich einen Antrieb schaffen.

In einem Interview mit André Müller für „Die Zeit“ sagte Bernhard einmal: „Um mich ausleben zu können, wie ich will, bleibt mir nicht anderes übrig als das Alleinsein. Es ist eben so, dass Nähe mich tötet. Aber ich bin deshalb nicht zu bedauern. Jeder ist an allem selbst schuld.“

Sein Tod 1989 geschah alleine, vielleicht einsam in seiner Wohnung in Gmunden. Sein Halbbruder und Arzt Peter Fabjan fand ihn. Nur ein kleiner Kreis wurde vom Ableben des Dichters informiert, seinem Begräbnis sollen nur wenige Menschen beigewohnt haben. Beigesetzt ist er im Grab von Hedwig Stavianicek und deren Mann Franz. Bekannt wurde sein Tod erst später, inszeniert hat Bernhard alles, aber nicht alles war öffentlich.

Sein Testament war es und es ging ganz Österreich etwas an, eine posthume Erregung: „Weder aus dem von mir selbst bei Lebzeit Veröffentlichten, noch aus dem nach meinem Tod gleich wo immer noch vorhandenen Nachlaß (sic) darf auf die Dauer des gesetzlichen Urheberrechts innerhalb der Grenzen des österreichischen Staates (…) etwas (…) von mir Verfaßtes (sic), Geschriebenes ausgeführt, gedruckt oder auch nur vorgetragen werden. (…)“ Im Landestheater Linz dachte man über eine Bernhard-Lesung auf einem deutschen Schiff auf der Donau nach oder eine Aufführung in Budweis. Bernhards Testament wurde unterschiedlich ausgelegt, Groß- oder Kleinschreibung einzelner Worte wurde diskutiert, die Rechtslage wurde geprüft, es ging um den Willen des Autors, um Geld. Das Linzer Theater Phönix eröffnete die Saison 1990 mit Bernhards „Die Berühmten“. Mit juristischen Schritten rechneten die Verantwortlichen, Dramaturg Stefan Kurowski sagte: „Wir gehören nicht zu jenem kleinkarierten Österreich, gegen das sich Thomas Bernhard gewendet hat, wir stehen vielmehr auf der Seite von Thomas Bernhard und glauben daher, in seinem Sinn zu handeln, wenn wir sein Stück jetzt herausbringen.“ Trotz einer einstweiligen Verfügung seitens des Suhrkamp-Verlages fand am 13. September die Premiere statt, doch schon tags darauf wurde bekannt gegeben, dass man — wegen drohender finanzieller Sanktionen — von weiteren Vorführungen absehen werde.

Schlussendlich entschied man sich, das Stück weiter zu zeigen, sämtliche Passagen von Bernhard jedoch „auszusperren“. Auch den internationalen „Bernhard-Tagen“ in Ohlsdorf ging es nicht besser: Dort durften nur Texte vorgetragen werden, die nicht über sieben Zeilen hinausgehen.

Zum zehnten Todestag Bernhards gab sein Nachlassverwalter Peter Fabian bekannt, das Aufführungsverbot fallenzulassen. In einem Interview im ORF-Mittagsjournal wiederholte der Bruder des Dichters seine Ansicht, dass das Werk Bernhards, des „letzten typischen Österreichers“, es nicht vertrage, „über 70 Jahre nicht aktiv in Österreich leben zu können.“ Eine von ihm angeregte Thomas Bernhard Privatstiftung, die am 15. Juli 1998 gegründet wurde, solle die Barriere zwischen dem Nachlass und der Republik Österreich sein. Der Österreich-Bann für die Bernhard-Werke wurde aufgehoben. In Gmunden entstand ein Thomas Bernhard-Archiv.

„Er gehört uns und nicht dem Tod“

Die Aufhebung des Aufführungsverbotes führte sowohl zu Protesten bei Autorenkollegen, als auch zu Zustimmung. Gerhard Roth etwa meinte: „Wenn sich ein Autor von einem Land derart verletzt fühlt, dass er zum letzten Mittel des Aufführungsverbots greift, hat man das zu respektieren.“ Elfriede Jelinek fand es „skandalös, wie sein Testament umgangen wird.“ Robert Schneider hingegen wurde von „News“ zitiert: „Er gehört uns und nicht dem Tod.“
Seit mehr als vier Jahren ist das Bernhard-Archiv, das sich der Aufarbeitung des Nachlasses gewidmet hatte, nun geschlossen. Das Konvolut befindet sich laut Angaben von Fabjan in der ehemaligen Wohnung Bernhards in Gmunden, für die Forschung zugänglich ist jedoch nur die digitalisierte Form. Was mit dem physischen Nachlass Thomas Bernhards passieren wird — auch nach dem Ableben Peter Fabjans — ist bislang völlig offen.

Der ehemalige Leiter des Bernhard-Archives, Martin Huber, sagte 2014 in einem Interview: „Bernhard ist innerhalb kürzester Zeit vom ehemaligen Nestbeschmutzer zum Klassiker geworden, zu einem Säulenheiligen der österreichischen Literatur. Das hat natürlich auch etwas mit der rein literarischen Qualität seines Werkes zu tun. Die wurde oft beschrieben mit der Musikalität, dem Sog, die die Bernhard’sche Sprache durch ihre Wiederholungen und Rhythmisierungen ausübt … Diese Faszination reicht offenbar bis heute.“

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