Zwischen Tradition und Zeitgeist

Landestheater: TV-Premiere des Nestroy-Klassikers „Lumpazivagabundus“

„Das liederliche Kleeblatt“: Daniel Klausner (Leim), Jan Nikolaus Cerha (Zwirn), Julian Sigl (Knieriem)
„Das liederliche Kleeblatt“: Daniel Klausner (Leim), Jan Nikolaus Cerha (Zwirn), Julian Sigl (Knieriem) © Landestheater Linz/Herwig Prammer

Eines gleich vorweg: Das Vorhaben, die Premiere von „Lumpazivagabundus“ aus dem Linzer Landestheater im Fernsehen — vergangenen Freitag auf ORF III — zu zeigen, kann als durchaus gelungen bezeichnet werden.

Auch wenn man sich fragt, warum diese Übertragung erst um 22.35 Uhr begonnen hat. Ist Kultur im eigentlichen Abendprogramm nicht zumutbar?

Nestroys Klassiker rund um „Das liederliche Kleeblatt“ wurde von Georg Schmiedleitner in Szene gesetzt. Und nach wenigen Minuten ist für eingefleischte Nestroy-Fans klar, dass ihnen hier ein gerüttelt Maß an Toleranz abverlangt wird.

Es beginnt schon damit, dass in einer ersten Videoeinspielung die drei Protagonisten Tischler Leim, Schneider Zwirn und Schuster Knieriem von der Linzer (?) Polizei perlustriert werden. Nicht zufällig, handelt es sich doch eher um „Sandler“ als um fahrende Handwerksburschen.

Skurriles Feenreich

Das Feenreich, in dem der Plan mit dem Lotterieglück für Leim, Knieriem und Zwirn ausgeheckt wird, erweist sich als grell-skurriler Haufen, wo die Söhne und Töchter im wahrsten Sinn des Wortes durch die Luft fliegen (Bühne Harald B. Thor).

Aufwendig und glamourös auch die Kostüme von Cornelia Kraske, das Ganze untermalt mit Life-Musik von Joachim Werner. Nicht leicht verdaulich ist für Nestroy-Puristen auch die Figur des Lumpazivagabundus als Mix aus Vamp und weiblichem Dämon.

Auch „auf der Erde“ geht es eher „zeitgeistig-heutig“ weiter, etwa wenn sich das Trio in einer Art Spielhalle trifft. Erst allmählich – und das mag die Traditionalisten unter den Theaterfreunden trösten — setzt sich Autor Nestroy gegen Regisseur Schmiedleitner durch, vor allem auch im sprachlichen Duktus und Witz.

Verständliche Spielfreude

Was folgt ist ein stellenweise furioses, turbulentes Bühnenereignis, bei dem man den Darstellern die Spielfreude anmerkt, verständlich, nach den langen Monaten der Aufführungs-Abstinenz. Wenn dann noch das Publikum dazukommt, wird die Theaterwelt wohl in Ordnung sein.

Einzelne der rund ein Dutzend Mitwirkenden hervorzuheben, ist eigentlich ungerecht, alle verdienen — vor dem Fernseher leider nicht möglichen — Applaus. Trotzdem sei es angemerkt: Daniel Klausner als Leim, Jan Nikolaus Cerha als Zwirn und Julian Sigl als Knieriem geben ihren unterschiedlichen Figuren die Konturen, die wohl auch Nestroy vorschwebten. Sei es der unglücklich verliebte Leim, der möchtegern-coole Zwirn oder der ständig saufende Knieriem. Glück, „lasterhaftes“ Leben und tiefer Fall — das kommt bei Zwirn und Knieriem gut rüber. Dass Leim schließlich zum unangenehm-aufgeblasenen Managertypen wird, mag ein weiteres Indiz dafür sein, dass Geld nicht alles ist im Leben.

Gegen Schluss der zweistündigen Produktion dann noch Knieriems berühmtes „Kometenlied“ („Die Welt steht auf kan Fall mehr lang, lang …), durchaus auch mit heutigen Anspielungen. Freilich, warum Corona bei den Aktualisierungen in keiner Strophe vorkommt, ist doch eher überraschend.

Der schon zu Nestroys Zeiten umstrittene Schluss — glückliches Ende auch für Zwirn und Knieriem oder nicht — wird in Schmiedleitners Inszenierung zwar als Happy End mit Frau und Kind interpretiert, aber nicht ohne Ironie des vermeintlichen Familienglücks.

Von Werner Rohrhofer

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