Patienten viel zu selten in Forschungsprojekte eingebunden

Weltweit werden jährlich rund 20.000 klinische Studien mit rund zwei Millionen Probanden durchgeführt. Die betroffenen Patienten aber sind viel zu wenig in Planung und Auswertung eingebunden. Das hat jetzt auch eine europäische Untersuchung mit österreichischer Beteiligung für die Rheumatologie ergeben. Höchstens bei 20 Prozent der Untersuchungen gab es eine nennenswerte Berücksichtigung der Betroffenen.

„Einbindung der Patienten als Forschungspartner in Untersuchungen in der Rheumatologie: Eine Literaturrecherche im Jahr 2023“, lautet der Titel der Publikation des europäischen Autorenteams, die jetzt in „RMD Open“, einem wissenschaftlichen Online-Medium für den Bereich der Rheumaforschung sowie andere Erkrankungen von Muskeln und Skelett, erschienen ist. Unter den Experten befindet sich auch Paul Studenic von der Klinischen Abteilung für Rheumatologie der Wiener Universitätsklinik (MedUni Wien/AKH).

„Die Beteiligung von Patienten-Partnern in Forschungsprojekte wird in der Rheumatologie zunehmend anerkannt und empfohlen“, schrieben die Wissenschafter. Im Jahr 2020 sei das aber nur bei zwei Prozent der Placebo-kontrollierten Studien mit Zuteilung der Probanden zu den Untersuchungsgruppen per Zufall (randomisiert Placebo-kontrolliert) berichtet worden.

Gerade bei Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises wäre eine Patientenbeteiligung auf Augenhöhe über – also die Funktion als Probanden allein hinaus – enorm wichtig. Die meisten rheumatischen Erkrankungen – vom Gelenksrheuma (rheumatoide Arthritis, chronische Polyarthritis) bis zu den möglichen rheumatischen Komplikationen einer schweren Psoriasis (Psoriasis-Arthritis) – haben ja mit Schmerzzuständen und vielfältigen anderen Beeinträchtigungen von Funktionen und Lebensqualität oft komplexe Auswirkungen. Einfluss auf die Planung, die Durchführung und die Auswertung von klinischen Studien mit dem Erproben von neuen oder verbesserten Behandlungsstrategien könnte daher sowohl die Qualität als auch die Aussagekraft solcher wissenschaftlichen Untersuchungen erhöhen.

Die Wissenschafter sahen sich deshalb 80 ganz aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen aus der Rheumatologie an: 40 sogenannte translationale Studien mit frühen Forschungsansätzen zur Umsetzung von wissenschaftlichen Erkenntnissen in die klinische Praxis und 40 größer angelegte kontrollierte klinische Studien zu rheumatoider Arthritis, Psoriasis-Arthritis, Lupus erythematosus und Kniegelenksarthritis.

Das Ergebnis: In den frühen translationalen Studien gab es überhaupt keine geregelte Patientenbeteiligung, in den kontrollierten Studien war das bei acht (20 Prozent) der Fall. Drei Viertel dieser Untersuchungen mit Patientenbeteiligung waren nicht von der Pharmaindustrie gesponsert. Bei sechs der acht wissenschaftlichen Arbeiten mit formeller Patientenbeteiligung betraf dies die Planung der Studie oder die Auswahl der Art der untersuchten Intervention, bei zwei die Auswertung bzw. Interpretation der Ergebnisse. Warum von Rheuma nicht Betroffene Ärzte allein Studienergebnisse auswerten bzw. interpretieren sollten, bleibt irgendwie unklar.

Obwohl es weltweit Bemühungen gebe, Patienten mehr in die wissenschaftliche Forschung einzubinden, sind sie in der Rheumatologie deutlich unterrepräsentiert, stellen jedenfalls die Wissenschafter in der Zusammenfassung fest. Das sei ein Widerspruch zu den geltenden Empfehlungen. Klinische Studien sind ja dazu da, Mittel und Wege zu finden, um sowohl den Gesundheitszustand als auch die Lebensqualität von Kranken zu verbessern. Über ihre Lebensqualität und den von ihnen empfundenen Wert neuer Therapien wissen aber auf jeden Fall die Patienten am besten Bescheid. Nicht zuletzt werden für die moderne Medizin ja auch „Real-World-Daten“, also Informationen aus der Praxis, immer wichtiger.

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