Göttern in die Seele blicken

Verena Altenberger las im Linzer Posthof

Sie las, was sie liebt: Verena Altenberger.
Sie las, was sie liebt: Verena Altenberger. © Baier

Verena Altenberger ist eine der ganz Großen der europäischen Theater- und Filmszene. Am Montag breitete ihr Nora Dirisamer als Moderatorin im Posthof in Linz einen riesigen verbalen roten Teppich aus, als sie von Filmen mit Ruzowitzky und Goiginger sprach, von abgeschlossenen Studien, einem Dasein als Tänzerin und Kunstturnerin, natürlich von zwei Saisonen Salzburger Festspiel-Buhlschaft mit Lars Eidinger und nur am Rand unzählige große Auszeichnungen und Preise erwähnte.

„Oafoch meine Lieblingstexte miassn Sie si heit auhorchn“, sagt die aus Schwarzach im Pongau Stammende, als sie die große Bühne betritt und Ingeborg Bachmanns „Undine geht“ aufschlägt. Mit Necati Öziris „Ring des Nibelungen“ überwältigt sie nach der Pause. Der Autor destillierte aus Wagners 16-Stünder acht Monologe, völlig ohne Wagners wuchtige Worte, doch in ebenbürtiger Sprach- und Gefühlsmacht.

Altenberger liest drei voneinander unabhängige Texte. Sie dirigiert Tonlagen, Tempi, Stimmungen wie ein Orchester, in dem sie zugleich alle Instrumente, Stimmen, Harmonien und Dissonanzen spielt.

Nie schwebte in einem einfachen „komm“ mehr Verlockung und Verheißung. Aus den überirdischen Wesen Undine, Wotan und Brünhilde entsteht „Die Welt und der Abgrund dazu, das Leben und die Risse darin“.

Was für ein köstlicher Abend

Die überirdischen Geschöpfe kämpfen nach außen und innen, zwischen Geschlechtern und Generationen, zwischen Schöpferkraft und Untergang, gleichen einander von der Genesis bis zum häuslichen Kühlschrank.

Frauen unterwerfen sich lustvoll dem Patriarchat und befreien sich von ebendiesem am eigenen Wesen Zerbrechenden. Frauen, Männer, Väter, Töchter lieben und zweifeln in göttlichem Übermaß, tiefgründig, lächerlich und unbedingt.

Altenberger sieht sich als Anwältin aller ihrer Figuren, legt sie wertfrei und empathisch an. Jede von ihnen dringt mit Selbstverständlichkeit in die Welt des Betrachters ein. Nach diesem Erlebnis möchte man auch den anderen Göttern aus Oziris „Ring des Nibelungen“ so tief in die Seele blicken, und Bachmanns Undine mit neuem Blick lesen. Was für ein köstlicher Abend, der Applaus entsprechend.

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