„Ivo“: Tod und Sterbehilfe pragmatisch verhandelt

Minna Wündrich und Pia Hierzegger in den Hauptrollen

Pia Herzegger und MInna Wündrich © Adrian Campean

Tod und Sterbehilfe pragmatisch verhandelt – „Ivo“ von Eva Trobisch ist kein Tränendrüsendrama, sondern nimmt die Emotionen stark heraus. Dank Minna Wündrich als seelisch abgestumpfte Palliativpflegerin Ivo und Pia Hierzegger als ALS-Patientin, die ihr Schicksal, nicht aber das Leiden akzeptiert, wird das Publikum auf der Herzebene etwas geschont und kann sich so den Kopf über existenzielle Fragen zerbrechen.

Eine Form von Selbstschutz

Ivo ist mobile Palliativpflegerin. Sie fährt von Patientin zu Patient, sortiert Medikamente, hängt Infusionen an, streichelt Hände, gibt Ratschläge und kümmert sich um die Angehörigen. Sie lebt im Auto, stopft zwischen zwei Terminen mit Todgeweihten hinter dem Steuer rasch ein Sandwich rein, sie tindert sogar im Wagen – und so rasch wie sie nicht passende Flirtkandidaten wegwischt, wischt sie auch die Belastung ihres Jobs weg, zumindest scheint es so.

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Sie ist sauer, weil man ihr nicht gesagt hat, dass ihr Klient schon gestorben ist. Da sitzt man 40 Minuten im Auto, um zu einem Termin zu fahren, und nun wird man versetzt, weil der Patient bereits in der Leichenhalle ist. Irgendwann wird halt auch die Palliativpflege ein Job wie jeder andere. Extremer Pragmatismus, irgendwie befremdlich, aber doch verständlich, und vielleicht ist es ja reiner Selbstschutz. Denn wenn bei der Teambesprechung die Namen der in der Vorwoche Verstorbenen vorgelesen werden und die Liste kein Ende zu nehmen scheint, beginnt man ihre Distanz zu verstehen.

Die innere Mauer bekommt Risse

Ivos innere Mauer bekommt allerdings Risse, als sie auch eine Freundin zu betreuen hat. Solveigh, genannt Sol, hat ALS. Ihr Aktionsradius wird täglich kleiner. Während Ivo zur Erholung Tiere im Wildpark beobachtet, studiert Sol notgedrungen die Beziehungsprobleme der Tauben auf dem Fenstersims und die Fische im Aquarium, bewegen kann sie sich kaum mehr. Wenn Ivo kommt, gibt es zumindest Abwechslung, Mädchengespräche, Musik, Wein, ein letztes Aufblitzen von Übermut.

Dass Ivo just mit Sols Mann Franz (Lukas Turtur) eine Affäre hat, ist ungünstig, aber nicht zu ändern, und zudem wenig romantisch. Mal treffen sie einander zum Schäferstündchen im Hotel – zwischendurch gibt Ivo Klienten am Telefon Pflegeratschläge – und mal gehen sie gemeinsam in den Schauraum für Treppenlifte und Rollstühle. Auch Franz versucht, die Fassade der Normalität aufrechtzuerhalten. Er will unbedingt das 30 Jahre alte Bad sanieren – die Frage, ob das nicht noch ein Jahr Zeit habe, klingt bitter nach.

Das Leben in der Palliativpflege hat aber noch eine andere Seite: Man gerät rasch – ob zu Recht oder zu Unrecht – unter den Verdacht der Erbschleicherei oder jenen der Sterbehilfe. Und Sol möchte auch genau das von Ivo: Hilfe, ihr Leiden zu verkürzen, „sonst springe ich aus dem Fenster“. „Das schafft du nicht mehr“ – und Ende der Diskussion, zumindest vor der Kamera.

Großartige Schauspielerinnen

Von Ivos Privatleben erfährt man wenig, wahrscheinlich hat sie kaum eines. Sie sucht einen Mann und ihre Tochter das Weite in den USA, der Hund muss Gassi und gebadet werden muss er auch, das war’s. Der Film hat schräge Momente und lebt von zwei großartigen Schauspielerinnen. Beim Abspann weiß man: Das Sterben gehört eben zum Leben, ob einem das passt oder nicht.

Von Verena Leiss

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