Marie Rötzer künftig Direktorin am Theater in der Josefstadt

Marie Rötzer bekennt sich zum „österreichischen Literaturtheater“ © APA/HANS KLAUS TECHT

Mit Marie Rötzer hat das Theater in der Josefstadt ab der Saison 2026/27 seine erste Direktorin. Bei ihrer Vorstellung am heutigen Montag kündigte die 56-Jährige ein „Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Zeitgenössischem“ an. Sie fühle sich dem Erbe des Hauses und seiner Positionierung als „österreichisches Literaturtheater“ verpflichtet, zudem will sie das Haus für europäische Impulse öffnen, wie sie es schon am Landestheater Niederösterreich erfolgreich umgesetzt hat.

Im Bewerbungsprozess, in dem die Findungskommission sie aktiv zu einer Bewerbung eingeladen hatte, hat sich die derzeitige Intendantin in St. Pölten gegen 22 weitere Bewerbungen durchgesetzt. Ihr Vertrag läuft für fünf Jahre. Die Entscheidung fiel laut Stiftungsrats- und Aufsichtsratsvorsitzendem Thomas Drozda einstimmig. „Freude, Freude, Freude“, so fasste Rötzer ihre Bestellung zusammen. Großes Lob hatte sie für die vergangene und noch für zwei Saisonen laufende Arbeit ihres Vorgängers Herbert Föttinger, der dem Haus ein zeitgenössisches Profil verliehen und es gut in der Wiener Theaterszene verankert habe. „Ich sehe es deshalb als Herausforderung, dieses Profil weiter zu gestalten.“ So will Rötzer das „Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Zeitgenössischem“ beibehalten und weiter ausbauen, ihr Ziel sei es, das „österreichische Literaturtheater“ über nationale Grenzen zu verbreiten. Eine weitere wichtige Frage werde sein, neue Zugänge zu Klassikern zu finden: „Wie gehen wir mit dem Kanon um, wie werden wir das Frauenbild neu interpretieren?“

Lesen Sie auch

Weiters wolle sie das Haus „international aufstellen“ und sowohl Gastspiele zeigen als auch Koproduktionen umsetzen. „Die Josefstadt soll als eine Art Kulturbotschaft für Österreich ausstrahlen.“ Nachsatz: „Unsere Arbeit soll Teil eines europäischen Narrativs sein.“ Aber auch auf das Lokale werde sie nicht vergessen und wolle auf in der Stadt verortete Institutionen zugehen, um Kooperationen zu vereinbaren. Hier sei das Motto: „Runter von der Bühne, rein in die Stadt“, um das Theater für Menschen zu öffnen, die bisher noch nicht ihren Weg ins Haus gefunden haben.

Für die Kammerspiele plant sie „Komödien im Broadway-Style“ und will „das Feeling eines Londoner Nachtlebens in Wien spürbar machen“. Man werde dort „moderne Theaterformen mit viel Musik und kluger Unterhaltung“ anbieten. Ein klares Bekenntnis gab es zum Ensemble: Dieses sei „komödiantisch, musikalisch und spielerisch präsent – sie sind das Gesicht des Hauses.“ Sie wolle darauf achten, „dass dieser großartige Kosmos in seiner spezifischen Qualität erhalten bleibt und weiterentwickelt wird.“ Ein Fokus liege auch auf den „treuen Abonnenten“, diese sollen „begeistert bleiben und sich neu verlieben“. Ihr Wunsch sei ein Theater, „von dem sich drei Generationen angesprochen fühlen“. Denn: „In Zeiten der Überpräsenz des Internets braucht es das Echte, das Live-Erlebnis, um Fake News und Populismus die künstlerische Kraft des Theaters entgegenzusetzen.“

Auf die Konkurrenz durch das Burgtheater und das Volkstheater angesprochen, zeigte sie sich von Dialog überzeugt: „Wir werden sehen, was sich in diesen zwei Jahren bis zu meinem Antritt nun in Wien alles verändert und entwickelt“, sagte sie in Hinblick auf ihre neuen Kollegen Stefan Bachmann und Jan Philipp Gloger: „Jeder von uns hat sein sehr spezifisches Konzept. Ich habe auch kein Problem, das Publikum zu teilen. Wir werden uns bei den Spielplänen absprechen und das Publikum sicher nicht mit drei ‚Fäusten‘ quälen“, lachte Rötzer.

Video
Ich möchte eingebundene Social Media Inhalte sehen. Hierbei werden personenbezogene Daten (IP-Adresse o.ä.) übertragen. Diese Einstellung kann jederzeit mit Wirkung für die Zukunft in der Datenschutzerklärung oder unter dem Menüpunkt Cookies geändert werden.

Für Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer (Grüne) ist Rötzer eine „Idealbesetzung“, ihr Konzept habe deutlich herausgestochen. Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) lobte Rötzers bisherige Arbeit, sie habe das Haus in St. Pölten zu einem „Leuchtturm“ gemacht, der auch viele Wienerinnen und Wiener in die niederösterreichische Landeshauptstadt gelockt habe. Beide Politikerinnen freuten sich, dass es mit zwei Jahren nun einen ausreichend langen Vorbereitungszeitraum gibt. Diesen will Rötzer nutzen, um sich gemeinsam mit dem designierten kaufmännischen Direktor Stefan Mehrens vorzubereiten. Der Deutsche wirkte bisher u.a. am Staatstheater Hannover, bei den Salzburger Festspielen (als Verwaltungsdirektor) und zuletzt am Staatstheater Braunschweig.

Rötzer wurde am 16. Juli 1967 im niederösterreichischen Mistelbach geboren und wirkte nach ihrem Studium der Theaterwissenschaft und Germanistik in Wien zunächst als Dramaturgin an verschiedenen deutschsprachigen Theatern, darunter in Berlin und Graz. Ab Ende 2012 arbeitete sie als Referentin des Intendanten und Mitglied der Künstlerischen Leitung am Hamburger Thalia Theater, bevor sie 2016 in St. Pölten ihre erste Intendanz übernahm. Unter Rötzers Leitung gelangen dem Landestheater Rekordbesucherzahlen und immer wieder theatrale Coups, so etwa die Verpflichtung von Regiealtmeistern wie Frank Castorf und Luk Perceval oder von Puppenspieler Nikolaus Habjan. Ihr dortiger Vertrag wäre eigentlich noch bis 2028 gelaufen, die Stelle wird nun im Herbst neu ausgeschrienen.

josefstadt.org

Das könnte Sie auch interessieren