„Schon herausfordernd“: Kaśka Bryla fährt zum Bachmann-Preis

Autorin Kaska Bryla tritt beim Bachmann-Preis an © APA/ROBERT JAEGER

„Ich hab‘ mir gedacht, ich versuch‘ das einfach einmal. Ich beobachte diesen Preis ja schon lange. Er gibt einem die Möglichkeit, Aufmerksamkeit zu bekommen.“ Wenn Kaśka Bryla über ihr Antreten beim Wettlesen um den Bachmann-Preis spricht, formuliert sie bedächtig und wirkt geradezu abgeklärt. Die 1978 in Wien geborene Autorin mit aus Polen stammenden Eltern ist professionellen Umgang mit dem Literaturbetrieb gewöhnt. Ihr Auftritt in Klagenfurt wird dennoch emotional.

„Der Text, den ich lesen werde, liegt mir sehr am Herzen. Als ich ihn geschrieben habe, habe ich gespürt: Es wäre schön, wenn ich ihn dort lesen könnte“, sagt Bryla im Gespräch mit der APA. Der Text, den sie auf Einladung von Brigitte Schwens-Harrant lesen wird, lehnt sich an die Geschichte ihres Vaters an. Er war Mitglied der polnischen Widerstandsbewegung im Zweiten Weltkrieg und kämpfte sowohl gegen die Nazis als auch gegen die Sowjets. „Mein Vater ist vor 15 Jahren gestorben. Ich habe ein Versprechen abgegeben, dass ich mich seiner Geschichte einmal annehmen werde.“

Lesen Sie auch

Als Kind polnischer Migranten hat Kaśka Bryla spezielle Erinnerungen, die in ihrer Kurzbiografie mit „zwischen Wien und Warschau aufgewachsen“ umschrieben werden: „Ich erinnere meine Kindheit vor allem als ständiges hin und her Gefahre. Ich habe meine Kindheit auf dem Autorücksitz verbracht. Mit der Kotztüte in der Hand, denn mir ist ständig schlecht geworden.“ In Wien ist sie zur Schule gegangen, aber auch in eine polnische Pfadfindergruppe. Ihre Eltern legten Wert darauf, dass sie Polnisch lernt. „Meinen literarischen Bezug habe ich aber hier gefunden. Ich finde mein Polnisch definitiv nicht gut genug, um literarisch damit zu arbeiten.“

Von den polnischen Autorinnen schätzt die österreichisch-polnische Doppelstaatsbürgerin neben „den Nobelpreisträgerinnen“ (Olga Tokarczuk und Wisława Szymborska, Anm.) auch Joanna Bator (zuletzt: „Bitternis“), die politische Entwicklung in Polen hat sie genau verfolgt – vor allem die Repressionen der PiS-Regierung gegen Randgruppen. „Für mich als dezidiert queere Autorin war das wie ein Angriff gegen mich selbst. Der Kampf gegen Homosexuelle, die Rücknahme fundamentaler Frauenrechte – das mitansehen zu müssen, war furchtbar traurig. Ich habe große Hoffnung, dass durch den Regierungswechsel etwas in Bewegung kommt und auch queere Themen in der polnischen Gegenwartsliteratur mehr Platz erhalten.“ Dass dies etwa in deutschsprachigen Ländern durchaus der Fall ist, registriert sie als positiv. „Ähnlich wie bei der ‚Migrantenliteratur‘ ist es aber noch schwer zu sagen, ob es sich da um einen Umbruch oder nur einen Trend handelt.“

Nach einem Volkswirtschaftsstudium in Wien bewarb sich Kaśka Bryla am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Im zweiten Versuch klappte es mit der Aufnahme. Ihr Debütroman „Roter Affe“ (2020) erzählte eine Geschichte aus Schuld und Sühne, Gut und Böse, Verantwortung und Verarbeitung, in dem eine Gefängnispsychologin, ein nach Europa geflüchteter Syrer, eine Computer-Hackerin und ein inhaftierter mehrfacher Mörder und Vergewaltiger Hauptrollen spielen. „Die Eistaucher“ (2022) stellte dann eine Gruppe Jugendlicher in den Mittelpunkt eines zwischen brutalem Realismus und magischen Elementen wechselnden Krimis über queere Liebe und Radikalisierung, in dem das zeitreisende Longboard „Loaded Dervish“ ebenso wie die Dichtergruppe „Avantgarde“ gewichtige Rollen spielen.

Video
Ich möchte eingebundene Social Media Inhalte sehen. Hierbei werden personenbezogene Daten (IP-Adresse o.ä.) übertragen. Diese Einstellung kann jederzeit mit Wirkung für die Zukunft in der Datenschutzerklärung oder unter dem Menüpunkt Cookies geändert werden.

Dass die Gemeinschaft, der „Gedanken des Netzwerks“ beim Schreiben auch für sie selbst wichtig ist, beweist Kaśka Bryla u.a., indem sie in ihrem Autorinnen-Video die Mitglieder des Redaktionskollektivs der von ihr mitbegründeten Zeitschrift „PS – Politisch Schreiben“ präsentiert. Dort spricht sie auch von ihrer frühen und langen Covid-Erkrankung und zeigt die Krähe Karl, die sie in dieser Zeit als verletztes Vogelbaby aufzog. Corona hat das Erscheinen ihres ersten Buches überschattet, und kurz vor dem zweiten wurde die Leipziger Buchmesse abgesagt. „Ich wünsche mir sehr, dass es bei meinem dritten Buch kein weiteres dramatisches Großereignis geben wird“, versucht sie sich an Galgenhumor. Ihr nächster Roman könnte schon 2025 erscheinen. „Es ist mein bisher längstes Romanprojekt – ein sehr wichtiges Buch für mich.“ Auch fürs Theater, wo sie im Vorjahr mit zwei Uraufführungen punktete, gibt es neue Pläne. Als nächstes kommt aber ihr Ausflug nach Klagenfurt.

„Ich freue mich sehr, dass ich dabei bin. Es ist ja schon ein einmaliges Ereignis im deutschsprachigen Literaturraum, dass man mit einer einzigen Lesung so viel Aufmerksamkeit erreicht.“ Der Preis dafür ist ihr sehr bewusst: „Ich bin mir absolut sicher, dass ich furchtbar nervös sein werde. Es ist schon eine herausfordernde Situation, und natürlich kann Kritik auch verletzend sein.“ Der Ausweg: es sportlich nehmen! Oder, wie es Kaśka Bryla ausdrückt: „Ich kann nur versuchen, mein Bestes zu geben.“

kaskabryla.com; bachmannpreis.orf.at

Das könnte Sie auch interessieren