Wiener Festwochen geben sich „Verfassung“ zum Abschluss

Intendant Milo Rau bei Eröffnungssitzung der „Wiener Prozesse“ © APA/TOBIAS STEINMAURER

Mit der Ausrufung der „Freien Republik Wien“ durch die Wiener Festwochen bei ihrer Eröffnung am 17. Mai erfolgte auch der Start eines umfassenden Prozesses, der zu einer Art „Verfassung“ führen sollte. Zum heutigen Festival-Abschluss wartet man nun mit der „Wiener Erklärung“ auf. Sie sieht u.a. die Einrichtung eines Programm-Beirates oder „verbindliche Quoten für Einladungen, Koproduktionen und Neuproduktionen“ vor. Wie diese gestaltet sind, werde ab Herbst noch erarbeitet.

„Heute, am 23. Juni 2024, endet das konstituierende erste Jahr mit der Veröffentlichung der Wiener Erklärung als Verfassung der Freien Republik Wien“, heißt es in dem Papier, aus dem in der Folge noch „explizite Regeln“ abgeleitet werden sollen. Als inhaltliche rote Fäden verlaufen Gedanken zum „gleichberechtigten Zusammenarbeiten“ über die gesellschaftlichen und geografischen Grenzen hinweg und ein Gelöbnis zur kritischen Selbstreflexion durch die „Wiener Erklärung“. „Eine Institution, die sich öffnen und ändern will, muss zuerst erkennen, dass sie Teil des Problems ist“, heißt es darin etwa.

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Weiters müsse „ein Stadtfestival auf die Menschen einer Stadt zugehen, sie einbeziehen und auf sie hören. Zugleich muss ein internationales Festival auf die Globalität der Kunst antworten und sich den künstlerischen und sozialen Praktiken der Welt öffnen“. Dementsprechend werde man „dafür messbare Parameter entwickeln, die jährlich überprüft und angepasst werden“. Allerdings, in dem von einem aus 80 Wienerinnen und Wienern besetzten „Rat der Republik“ ausgearbeiteten Quasi-Verfassungstext finden sich noch keine konkreten Prozent- oder Zahlenangaben bzw. Evaluationsleitfäden.

Die Erklärung, in die Positionen von 60 Expertinnen und Experten aus verschiedenen Gesellschaftsbereichen und insgesamt fast 1.000 Statements und Anregungen eingeflossen sind, gebe „eine Richtung vor“, die ab Herbst in „Rats-Ausschüssen“ weiter verfolgt werde, heißt es in dem Papier. Dieses beinhaltet also (noch) keine glasklaren Ansagen, wie etwa das von Festwochen-Intendant Milo Rau an seiner früherem Wirkungsstätte, dem NTGent, verfasste „Genter Manifest“ (2018). Dort hieß es etwa, dass „die wörtliche Adaption von Klassikern auf der Bühne“ verboten ist, in jeder Produktion zumindest „zwei verschiedene Sprachen gesprochen werden“ oder Darsteller zu sehen sein müssen, die keine professionellen Schauspieler sind.

In der zehn Punkte umfassenden Wiener Variante heißt es nun zum Beispiel, dass man „einen wechselnden Programm-Beirat aus lokalen und internationalen Expertinnen und Experten“ einführen wird. Unter dem Punkt „Das Festival gehört dem Publikum – auch jenem, das noch nicht da ist“ stellt man die „radikale Verschränkung von Programmierung, Öffentlichkeitsarbeit und Preispolitik“ und ein „Volksstück“, das durch die Stadt tourt, in den Raum.

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Zudem soll es „ein nachhaltiges Produktions-, Präsentations- und Touring-Modell“, ein Festival-Team, „das die Vielfalt der Gesellschaft repräsentiert“, sowie „klare Abläufe und öffentliche Formate, die im Fall von Kontroversen und dem Ruf nach der Ausladung“ oder dem umstrittenen „Canceln“ von Projekten zum Einsatz kommen, geben. In dem Papier wird zudem ein Bekenntnis zum „globalen Austausch“, zur Entwicklung von „Verhaltensregeln“, „zur kritischen Auseinandersetzung mit der vergangenen und gegenwärtigen Einkommens- und Fundraising-Struktur der Wiener Festwochen GesmbH“ und zu „Formaten, die rasch und nachhaltig auf aktuelle Ereignisse reagieren“ abgegeben. Für letzteren Punkt stünden die in den vergangenen Tagen und Wochen abgehaltenen „Wiener Prozesse“ beispielhaft da.

festwochen.at

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