„Wiener Prozesse“ der Festwochen mit Aktionismus als Thema

Im Odeon wird noch einmal fiktiv prozessiert © APA/TOBIAS STEINMAURER

Die von Milo Rau inszenierten „Wiener Prozesse“ gehen am Wochenende in die dritte und somit letzte Runde. Nach den Coronamaßnahmen der Bundesregierung und der FPÖ steht zum Finale des Dokutheaterformats der Wiener Festwochen Aktionismus in unterschiedlicher Form auf dem Prüfstand. Unter dem Titel „Die Heuchelei der Gutmeinenden“ müssen sich nicht zuletzt auch die Festwochen selbst vor dem „Gericht“ der „Freien Republik Wien“ verantworten.

Unter dem Vorsitz von Maria Berger, bis 2019 zehn Jahre lang Richterin am Europäischen Gerichtshof, soll von Freitag bis Sonntag im Odeon Theater diskutiert werden, wie radikal Engagement für eine politische Sache, im Zusammenhang mit der Klimabewegung und auf dem Feld der Kunst ausfallen darf. „Welche Aktionsformen sind legitim? Heiligt der Zweck die Mittel? Ist eine gewisse Unerbittlichkeit und eine Mentalität des Kompromisslosen nötig?“, sind einige Fragen, die laut Ankündigung im Raum stehen.

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Möglichst beantwortet werden sollen sie anhand von drei konkreten Fällen. Nach der Eröffnungssitzung am Freitagabend mit Reden von Philosophin Isolde Charim und Rechtswissenschafter Alexander Somek sowie den Plädoyers von Anklage und Verteidigung am Freitagabend geht es in Fall 1 am Samstagvormittag um die „Letzte Generation“. Hier soll verhandelt werden, ob die radikale Umweltbewegung als „terroristische Vereinigung“ zu verurteilen sei. In den Zeugenstand geladen sind u.a. das österreichische Generation-Mitglied Afra Porsche, Klimapolitik-Experte Reinhard Steurer von der Wiener Universität für Bodenkultur, die Grüne Klubchefin Sigrid Maurer, Andre Hutter, Initiator des Volksbegehrens „Leben ohne Klimalügen!“, das den menschengemachten Klimawandel als von Mächtigen erfunden einstuft, oder Millionenerbin Marlene Engelhorn.

Am Samstagnachmittag geht es in Fall 2 dann unter dem Titel „Kein Platz für Palästina-Solidarität? Oder kein Platz für Antisemitismus?“ um die Frage, ob die Auflösung der umstrittenen Pro-Palästina-Protestcamps in Wien rechtens war. Als Zeugen angekündigt sind etwa Hanno Loewy, Direktor des Jüdischen Museums Hohenems, Unternehmerin Nadine Sayegh, die mit „Orangen aus Jaffa“ einen Roman über ihre palästinensische Familie geschrieben hat, Daniel Jungmayer, Unterstützer der israelkritischen Kampagne BDS („Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen“), Soziologe Heinz Bude oder die Künstlerin und Aktivistin Isabel Frey, die sich für Frieden und den jüdisch-palästinenischen Dialog einsetzt.

Zum Grande Finale am Sonntagnachmittag stehen dann die Festwochen selbst vor Gericht. Sie werden wegen Fördermissbrauchs „angeklagt“. Festivalchef Milo Rau und die Wiener Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) werden dabei ebenso verhört wie Kulturjournalist Heinz Sichrovsky, Medienrechtlerin Maria Windhager, Afrikawissenschafterin Birgit Englert, deren Ringvorlesung über Palästina an der Universität Wien gecancelt wurde, oder Fabian Burstein, Autor des Buches „Empowerment Kultur. Was Kultur braucht, um in Zeiten von Shitstorms, Krisen und Skandalen zu bestehen“.

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Die Urteile werden von den sieben „Geschworenen“, die im „Rat der Freien Republik Wien“ vertreten sind, am Sonntagabend gefällt. Zuvor stehen noch die Schlussreden von Politikwissenschafter Oliver Marchart und der Rapperin Königin der Macht sowie die Abschlussplädoyers von Anklage und Verteidigung am Programm.

Bei den ersten beiden „Wiener Prozessen“ kamen die Vertreter der „Freien Republik“ zu durchaus differenzierten Urteilen. In Sachen Coronapolitik sahen sie im Zusammenhang mit den Regierungsmaßnahmen zwar keine übertriebenen Eingriffe in die Grundrechte, aber dennoch zu wenig Schutz und Unterstützung für vulnerable Gruppen. Beim FPÖ-„Prozess“, bei dem Ex-AfD-Chefin Frauke Petry zur Verteidigung von Parteichef Herbert Kickl anreiste, waren die Blauen zwar als demokratiegefährdend erachtet worden, eine Mehrheit der Geschworenen sprach sich aber gegen die von der „Anklage“ geforderte Streichung von Subventionen aus.

„Die Wiener Prozesse. Prozess III: Die Heuchelei der Gutmeinenden“, Wiener Festwochen im Odeon, Freitag 14.6., 19.30 Uhr Eröffnung, Samstag 15.6., 11 und 15 Uhr, Sonntag 16.6., 14 und 17.30 Uhr festwochen.at

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