Zwei Heuernten und eine Zuflucht in Kollerschlag

Wie eine deutsche Flüchtlingsfamilie bei Bauern im Mühlviertel am Ende des Zweiten Weltkriegs Unterschlupf fand

Der Zweite Weltkrieg ging zu Ende und in die Menschenströme aus dem Norden Deutschlands, die vor den vorrückenden Russen gen Süden flohen, reihte sich auch die Familie von Malte Bastian ein. Drei Frauen und drei Kinder kamen schließlich auf einem Bauernhof in Kollerschlag (Bezirk Rohrbach) an und erlebten dort eine unvergessliche Zeit.

Der Journalist hat die Erinnerungen seiner Mutter und seiner Großtante jetzt im Buch „(M)eine ganz normale Familie. Von Nazis, Flüchtlingen und einem ermordeten Onkel“ festgehalten.

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Der Jüngste im Leiterwagen

Der Jüngste, der knapp zweijährige Armin, der noch nicht laufen konnte, wurde auf einem kleinen Leiterwagen nachgezogen, die Hosenträger seines Vaters hielten eine Decke über dem Kind fest. Jede der drei erwachsenen Frauen hatte einen Koffer dabei, die beiden größeren Kinder schleppten einen Rucksack mit den spärlichen Habseligkeiten mit. So flohen sie aus ihrer Heimat Schlesien.

Der Auslöser für die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sei der 100. Geburtstag der Großtante Gerda, damals ein 21-jähriges Mädchen, gewesen, so Bastian. Seine Mutter Karin ist mittlerweile 85. „Ich wollte die Chance, mit ihnen persönlich darüber zu sprechen, noch nutzen“, so Bastian im VOLKSBLATT-Gespräch.

Vorbei an den Bombardements von Dresden

Dass es, wie eigentlich geplant, in Dresden mit Zuflucht nicht klappte, sollte sich als großes Glück entpuppen: „Als meine Familie am 14. Februar im Zug weiter in Richtung Süden saß, fanden in Dresden große Bombardements statt.“

Das kleine Grüppchen landete schließlich im bayerischen Oberhaid bei den US-Amerikanern und als die Grenzen zwischen der russischen und amerikanischen Besatzungszone gezogen wurden, mussten sie auch von dort weg.

Die Flüchtlinge kamen nach Kollerschlag. Genau festzumachen, wie lange die Familie dort war, kann man nicht, die Teilnahme an zwei Heuernten blieb als Hinweis auf mehrere Wochen ab Mitte/Ende Mai 1945 in Erinnerung. Das ganze Dorf, damals etwa 600 Einwohner, sei jedenfalls voll mit Flüchtlingen gewesen, weiß Bastian von seinen Verwandten.

Die Kinder fühlten sich bald zuhause

Noch heute würden sich Tränen der Rührung in den Augen seiner Mutter sammeln, wenn sie sich in großer Dankbarkeit an die Zeit und die Menschen dort erinnert. Und das tue sie lebhaft. „Für meine damals sechsjährige Mutter und meine Tanten, Großstadtkinder aus Breslau, war das dort das Paradies, die Kinder waren fasziniert von den Tieren, der Natur, der Freiheit und allem drumherum“, erzählt Bastian. „Sie dachten, sie dürften für immer bleiben.“ Schnell hatten alle das Gefühl, zur Bauernfamilie zu gehören. „Meine Mutter besuchte mit der Tochter der Bauern, Mareile, regelmäßig den katholischen Sonntagsgottesdienst in Kollerschlag.“

Und sorgte als evangelisch erzogenes Kind für Schmunzeln, als sie sich darüber äußerte, dass der Kirchgang ihr hier besser gefalle als früher zuhause. Auf der gegenüberliegenden Seite des Grenzbaches beobachteten die Mädchen eines Tages, wie amerikanische GIs zum Zeitvertreib mit Pistolen auf Forellen schossen. Als sie die entsetzt dreinblickenden Mädchen sahen, gaben sie ihnen etwas von ihrem Fang ab.

Heimlich über den Grenzfluss

Freilich hatte die Zeit in Kollerschlag ein Ablaufdatum: Doch zur Weiterreise durch die verschiedenen Zonen bedurfte es Ausweispapieren, die die Familie jedoch nicht vorweisen konnte.

Da kamen ihnen wieder die Einheimischen zu Hilfe, die sie mit Verwandtschaft von der „anderen Seite“ bei Neumond über den Grenzfluss und durch den Wald nach Bayern führten. In mehreren Etappen ging es in Viehwaggons und auf alten Wehrmacht-Lkw gen Norden, im relativ wenig zerstörten Rheinfeld in Schleswig-Holstein fand die Familie schließlich ein neues Zuhause.

Der Kontakt ging verloren

Bis in die 1980er-Jahre gab es noch brieflichen Kontakt nach Kollerschlag. Mit dem Tod der Großmutter ging der jedoch endgültig verloren, die Kinder wussten darüber nicht Bescheid: „Meine Mutter hadert bis heute damit, dass sie nur den Namen der Tochter der Familie, Mareile, und der Stute Susi behalten hat.“

Malte Bastian hat Kontakt aufgenommen mit Johannes Resch, dem Kollerschlager Bürgermeister, und seinem Vorgänger Franz Saxinger. Das hat zwar schöne alte Bilder, aber leider bisher keine neuen Erkenntnisse zur gesuchten Bauernfamilie gebracht. Sollte der Name doch noch ans Licht kommen, würden sich Bastian und seine Mutter auf den Weg ins Mühlviertel machen.

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