Kirche, Religion und Evangelium: Das Wort zum Sonntag

Evangelienauslegung für Sonntag, 23. Juni 2024: „Chaos und Vertrauen“

Evangelium nach Markus (Mk 4,35-41):

An jenem Tag, als es Abend geworden war, sagte Jesu zu seinen Jüngern: Wir wollen ans andere Ufer hinüberfahren. Sie schickten die Leute fort und fuhren mit ihm in dem Boot, in dem er saß, weg; und andere Boote begleiteten ihn.

Lesen Sie auch

Plötzlich erhob sich ein heftiger Wirbelsturm und die Wellen schlugen in das Boot, sodass es sich mit Wasser zu füllen begann. Er aber lag hinten im Boot auf einem Kissen und schlief. Sie weckten ihn und riefen: Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen? Da stand er auf, drohte dem Wind und sagte zu dem See: Schweig, sei still!

Und der Wind legte sich und es trat völlige Stille ein. Er sagte zu ihnen: Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben? Da ergriff sie große Furcht und sie sagten zueinander: Wer ist denn dieser, dass ihm sogar der Wind und das Meer gehorchen?

Chaos und Vertrauen

Else Lasker-Schüler (geb. 1869), die jüdische Schriftstellerin, die in Jerusalem, dem Ort ihrer Verbannung, verarmt und gram im Jänner 1945 starb, formulierte in der dritten Strophe ihres Gedichts „Gebet“: „O Gott, schließ um mich deinen Mantel fest. / Ich weiß, ich bin im Kugelglas der Rest, / Und wenn der letzte Mensch die Welt vergießt, / Du mich nicht wieder aus der Allmacht läßt / Und sich ein neuer Erdball um mich schließt.“

Resignation und Leid in der Begegnung mit dem Göttlichen spiegeln sich in diesem Gedicht, das sich schließlich doch in hoffendes Aufgehoben-Sein wendet und die Geborgenheit in Gott findet. Ähnlich ergeht es den Jüngern mit Jesus. Sie sind mit ihm im Boot unterwegs; diese Fischerboote, gar nicht so klein, boten etwa 15 Personen Platz. Doch plötzlich bricht ein heftiger Sturm los, das Boot füllt sich mehr und mehr mit Wasser – es droht unterzugehen.

Und Jesus schläft – seelenruhig. Die Jünger sind verzweifelt und wecken Jesus: Ist es dir gleichgültig, dass wir untergehen? Jesus nimmt ihre Angst ernst und gebietet der personal gedachten Chaosmacht im Stile eines Exorzisten: „Schweig! Halts Maul!“ So im Original.

Und der Sturm legt sich. Stille! Doch sogleich tadelt Jesus seine Jünger, warum sie denn Angst gehabt hätten und keinen Glauben haben. Dies ist sowohl eine Schule des Vertrauens als auch der Erkenntnis, wer dieser Jesus ist. Und nur weil er Gottes Sohn ist, weil in ihm Gott an-wesend ist, kann er den Chaosmächten der Natur Einhalt gebieten.

Und deshalb darf ich mein Vertrauen ganz auf Jesus setzen. Wie viele Stürme des Lebens wirbeln uns durcheinander: Leid, Krankheit, Trauer, Beziehungs-Nöte? Gott, wo bist du? Ich rufe Dich und Du schläfst?! Wie gerne würden wir die Stillung, das Ende so mancher körperlichen und seelischen „Stürme“ erleben. Und Jesus sagt: Hab Vertrauen. Ich bin bei Dir, auch im größten Sturm.

Dieses Vertrauen möge als Bitte emporsteigen, wie Lasker-Schüler dichtet: „Schließ um mich deinen Mantel fest“, und schließlich eine trostvolle Erfahrung schenken: „Sich ein neuer Erdball um mich schließt.“

Verfasser: P. Daniel Sihorsch, Benediktiner von Kremsmünster, Pfarrer in Pettenbach und Magdalenaberg, Leiter des Klosterladens und Führungs- und Tourismusbetriebes.

Das könnte Sie auch interessieren