Krasser Außenseiter Georgen will Türkei ein Bein stellen

Fußball-EM: Sturms Kiteishvili in Georgiens Aufgebot - Türken wollen starke Qualifikation bestätigen

Mit Sturm Meister, nun bei der EM: Otar Kiteishvili © APA/ERWIN SCHERIAU

Nach einer enttäuschenden EM 2021 und der verpassten WM 2022 hat die Türkei bei der Fußball-Europameisterschaft in Deutschland zumindest die K.o.-Phase fest im Visier. Einer überzeugenden Qualifikation soll bei der Endrunde die Kür folgen, erste Hürde ist am Dienstag in Dortmund (18.00/live ORF 1, RTL) der klare Außenseiter und Endrunden-Neuling Georgien um Österreichs Meister Otar Kiteishvili. „Das erste Spiel wird das schwierigste“, befand Türkei-Teamchef Vincenzo Montella.

Die Chancen in Gruppe F stehen für die Türkei jedenfalls nicht schlecht. Neben Georgien sind Favorit Portugal und schließlich die Tschechen die weiteren Gegner des EM-Halbfinalisten 2008. Ein Faktor könnten auch die zahlreichen türkischen Fans in Deutschland werden. Wird die Mannschaft von der Euphorie erfasst, könnte sie ein Überraschungsteam des Turniers werden und weit kommen. „Die Türkei wird bei der EM eine Heimspielatmosphäre haben“, prophezeite Salih Özcan, Mittelfeldakteur des BVB Dortmund und wie mehrere seiner Teamkollegen in Deutschland geboren und aufgewachsen.

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In seiner Quali-Gruppe ließ man Kroatien und Wales hinter sich, zeigte im vergangenen November mit einem 3:2-Testspielsieg in Deutschland auf. Dass es freilich auch in die andere Richtung gehen kann, bewies die 1:6-Abfuhr Ende März im Wien-Test gegen Österreich. “Ich glaube, das hat man auch gegen Österreich gemerkt: Wenn zwei, drei Prozent fehlen, dann kann es auch sein, dass du gegen Georgien 0:3 verlierst“, richtete Özcan mahnende Worte an seine Teamkollegen.

Kapitän Hakan Calhanoglu von Inter Mailand ist international der größte Star im türkischen Team. Besonderes Augenmerk gilt auch dem 18-jährigen Toptalent Kenan Yildiz von Juventus Turin, dazu kommt mit Real Madrids Arda Güler (19) eine weitere vielversprechende Aktie. Mit Außenverteidiger und Ex-Rapidler Mert Müldür könnte ein gebürtiger Wiener von Beginn an auf dem Feld stehen.

Die Türkei zieht ihre Stärke jedoch vor allem aus der mannschaftlichen Geschlossenheit. Zwölf unterschiedliche Torschützen waren für die 14 Treffer in der EM-Qualifikation verantwortlich. Viel wird auf Calhanoglu ankommen, der beim italienischen Meister eine glänzende Saison spielte. „Er ist das Gehirn unseres Teams“, sagte Montella vor seinem neunten Spiel als Türkei-Teamchef über den 30-Jährigen. „Er denkt und lenkt, ist immer anspielbereit und zweikampfstark.“

Die georgischen Hoffnungen wiederum sind eng mit dem Namen Khvicha Kvaratskhelia verknüpft. Der Napoli-Legionär, in Anlehnung an seinen einstigen Vorgänger „Kvaradona“ genannt, zeigte sich 2023/24 zwar nicht in der Meisterform der Saison davor, ist mit seiner Schnelligkeit und technischen Gabe aber weiter ein allseits gefürchteter Gegenspieler. „Wir sind nicht hier, nur um teilzunehmen. Wir wollen der EURO unseren Stempel aufdrücken“, betonte der 24-jährige Offensivmann.

Eine Fixgröße im Team des 4-Millionen-Landes ist auch Kiteishvili von Meister Sturm Graz. Der Mittelfeldmotor verlängerte erst kürzlich seinen Vertrag an der Mur, soll wie kolportiert aber eine Ausstiegsklausel besitzen und könnte sich mit guten EM-Vorstellungen weiter für Clubs aus größeren Ligen interessant machen. Mit WAC-Defensivmann Sandro Altunashvili steht ein zweiter Austro-Legionär in den georgischen Reihen.

Aus Sicht von Verbandspräsident Levan Kobiashvili hat die erstmalige EM-Teilnahme für das von politischen Konflikten gespaltene Land eine enorme Bedeutung über den Fußball hinaus. „Glauben Sie mir, ich habe noch nie in meinem Land so viele glückliche Leute gesehen. Die Leute haben seit mehr als 30 Jahren auf diesen Tag gewartet“, sagte der frühere deutsche Bundesliga-Profi.

Das EM-Ticket lösten die Georgier allerdings erst auf Umwegen und nicht zuletzt dank ihrer guten Vorstellungen in der Nations League 2022/23. Der Sieg in Liga C bescherte der Truppe von Teamchef Willy Sagnol, 2006 als Spieler Vizeweltmeister mit Frankreich, die Teilnahme am EM-Quali-Play-off, wo man sich gegen Luxemburg und schließlich im Elfmeterschießen gegen Griechenland durchsetzte. Denn in der eigentlich Qualifikation hatte man mit nur 8 Punkten aus 8 Spielen klar das Nachsehen hinter Spanien, Schottland und Norwegen.

„Wir sind so etwas wie der Joker, der irgendwie unbemerkt in dieses Turnier gerutscht ist“, meinte Sagnol, der in Georgien seit 2021 am Werk ist. „Sicher ist, dass wir, egal ob wir gegen Portugal, Tschechien oder die Türkei spielen, niemals aufgeben und alles geben werden.“

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