Teuerung: Untere Mittelschicht macht laut Studie „Schritte zurück“

Für Menschen aus dem unteren Einkommensdrittel führt die Teuerung zu einem Verlust an Lebensqualität. Das zeigt eine neue Studie der Armutskonferenz im Auftrag des Sozialministeriums. Während Armutsbetroffene weiter an den Rand der Gesellschaft gedrängt würden, würden nun auch Personen aus der unteren Mittelschicht zurückstecken und Zukunftspläne aufgeben. Armutskonferenz-Sozialexperte Martin Schenk drängt, die Teuerung auszugleichen, Armut zu bekämpfen und Preise zu dämpfen.

In der qualitativen Studie wurden 41 Armutsbetroffene – jene, deren Haushaltseinkommen unter der Armutsgefährdungsschwelle liegt (bei Single-Haushalten unter 1.392 Euro im Monat) – sowie 17 Personen aus der unteren Mittelschicht (bei Single-Haushalten maximal 1.800 Euro im Monat) in Diskussionsrunden dazu befragt, wie sie die Teuerung in ihrem Alltag erleben und wie sie mit den gestiegenen Preisen umgehen. Gespart wurde bei Lebensmitteln, bei der Freizeitgestaltung, der Mobilität oder der Gesundheit. Um mit den gestiegenen Preisen umzugehen, arbeiteten Probanden mehr, brauchten Ersparnisse auf, machten Schulden, bauten auf die Hilfe von Familien, Freunden und Nachbarn oder nutzten die Nothilfe diverser Einrichtungen.

Armutsbetroffene können nur bei wenig zurückstecken, da sie bereits vor Beginn der Teuerung wenig hatten, heißt es in der Studie. Sie drehen an „sehr kleinen Rädchen“, das dränge sie weiter an den gesellschaftlichen Rang. „Die kleinste finanzielle Mehrbelastung bringt bei ihnen stets das Gleichgewicht – sofern es überhaupt eines gibt – durcheinander. Ihre Lebensrealität besteht im Alltag darin, mit den Rechnungen und Ausgaben zu jonglieren“, wird Studienautorin Evelyn Dawid in einer Aussendung zitiert. Eine Probandin habe etwa von einem öffentlichen Kaffeeautomaten zu einem um wenige Cent billigeren gewechselt.

Die untere Mittelschicht habe „mehr zu verlieren“ und spüre die Teuerung durch eine gesunkene Lebensqualität, zerbrechenden Zukunftsplänen und auch eine verminderte soziale Teilhabe, so die Studie. Das sei für sie ungewohnt, hätten sie doch zuvor mit einem Gefühl der ökonomischen Stabilität und Sicherheit gelebt. Die untere Mittelschicht mache aufgrund der Teuerung nun große Schritte zurück und schränke Freizeit und soziale Kontakte massiv ein.

Beide Gruppen zeigten sich wütend sowie misstrauisch und suchten nach Schu. Das nähr. Das nährt laut Studie auch einen Verschwörungsglauben. Misstrauisch gab man sich vor allem gegenüber politischen Institutionen und Politikerinnen und Politikern. Auch Brüche in der Gesellschaft zeigte die Studie auf – kritische und aggressive Bemerkungen gab es in den Gesprächen u.a. gegen jene, die mehr haben, gegen Zuwanderer, Asylberechtigte, Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine, die als Konkurrenz um preiswerte Güter beschrieben wurden und gegen jene, die Sozialleistungen erhalten, die man selbst nicht erhält. Zudem würde Scham die Betroffenen ständig begleiten.

Die Einmalzahlungen der Bundesregierung hätten Betroffene vor allem für den Alltag aufgewendet, damit Rechnungen bezahlt oder das Minus am Konto ausgeglichen. Vielfach sei es auch in notwendige Sonderausgaben geflossen – etwa in Waschmaschine, Geschirrspüler oder Kleidung. Nur Einmalzahlungen mit höheren Beträgen wurden allerdings bemerkt, nur der Klimabonus war allen bekannt.

Die Inflation abzugelten, helfe nur dort, wo vorher „alles ok war“, so Schenk. „Dort aber, wo schon seit jeher massive Lücken und Fehlentwicklungen aufgetreten sind, kommt die Teuerung jetzt dazu.“ Die Teuerung müsse ausgeglichen, Preise gedämpft und die Probleme von vorher gelöst werden. Ein Fokus bei der Armutsvermeidung solle auf die untere Mittelschicht gelegt werden.

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