Ukrainische wie russische Stellen melden Tote bei Angriffen

Ukraines Präsident Selenskyj fordert westliche Hilfe für Flugabwehr © APA/dpa/Jens Büttner

Bei neuerlichen russischen Angriffen auf die ostukrainische Stadt Charkiw sind am Sonntag ein Mensch getötet und zehn weitere verletzt worden. Das teilte der Gouverneur der gleichnamigen Region, Oleh Synehubow, auf Telegram mit. Bei einem ukrainischen Raketenangriff auf die von Russland annektierte Halbinsel Krim kamen wiederum nach russischen Angaben mindestens fünf Menschen ums Leben, darunter drei Kinder. Mehr als hundert weitere Menschen seien verletzt worden, hieß es.

Charkiw ist eine der am schwersten vom russischen Dauerbeschuss getroffenen Städte in der Ukraine. Die nahe der Grenze gelegene Großstadt war erst am Vorabend Ziel eines schweren Bombenangriffs mit mehreren Toten und mehr als 50 Verletzten.

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Es habe Angriffe auf die zivile Infrastruktur gegeben, schrieb Synehubow auf dem Kurzmitteilungsdienst. Zwei Stellen in Charkiw seien offenbar mit Gleitbomben attackiert worden. Unter den Opfern seien auch zwei Teenager, zwei Verletzte seien in ernstem Zustand. Bei dem Toten soll es sich um einen 73-jährigen Mann handeln. Zwei der Verletzten seien minderjährig. Synjehubows Angaben zufolge gab es drei Einschläge in mehreren dicht besiedelten Stadtvierteln. Die Schäden seien gewaltig, mehrere Hochhäuser seien schwer beschädigt.

Charkiw ist die zweitgrößte Stadt des Landes nach Kiew und liegt nur etwa 30 Kilometer von der Grenze zu Russland entfernt. Die russischen Truppen stehen derzeit etwa 20 Kilometer vom Stadtrand entfernt, nachdem sie bei einer Offensive im Mai von der Grenze aus Boden gutgemacht hatten.

Angesichts des fortgesetzten Beschusses von Charkiw forderte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj vom Westen erneut weiter reichende Waffen und die Erlaubnis zu Schlägen tief in russisches Gebiet hinein. „Die russische Luftwaffe muss vernichtet werden, da wo sie ist und mit allen nur möglichen Mitteln, die effektiv sind“, sagte Selenskyj am Sonntag in seiner täglichen Videoansprache. Kiew arbeite mit seinen westlichen Partnern an einer entsprechenden Entscheidung.

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Selenskyj ging in seiner Rede auf die neuerlichen Luftangriffe der russischen Armee gegen die Großstadt Charkiw nahe der Grenze ein, die seinen Angaben nach einen Toten und zwölf Verletzte gefordert hat. Das jüngst von westlichen Staaten aufgehobene Verbot, mit den gelieferten Waffen grenznahes russisches Gebiet zu beschießen, habe bereits Resultate gebracht. Ein „Teil des russischen Terrorpotenzials“ sei zerstört, allerdings nur ein Teil. Es sei nötig, die Ukrainer besser zu schützen. „Dazu brauchen wir weiter reichende Waffen.“ Auch dazu werde weiter verhandelt. Selenskyj erwartet eigenen Angaben nach in den nächsten Wochen weitere Fortschritte auf dem Gebiet.

Fortschritte sieht der ukrainische Staatschef auch beim Streben seines Landes in die EU. Die Beitrittsverhandlungen würden nächste Woche aufgenommen. „Das ist wirklich eine historische Woche“. Der Beginn der Verhandlungen sei auch denen zu verdanken, die am 24. Februar – dem Beginn des russischen Angriffs vor mehr als zwei Jahren – zu den Waffen gegriffen habe, um die Ukraine zu verteidigen, lobte Selenskyj.

Bei einem ukrainischen Raketenangriff auf die von Russland annektierte Halbinsel Krim wurden wiederum russischen Informationen zufolger mindestens fünf Menschen getötet worden, darunter drei Kinder. Mehr als hundert weitere Menschen seien verletzt worden, erklärte der von Moskau eingesetzte Gouverneur der Schwarzmeerstadt Sewastopol, Michail Raswoschajew, am Sonntag im Onlinekanal Telegram. Moskau wies Washington eine Mitverantwortung für den Angriff zu, da dieser mit ATACMS-Raketen aus US-Produktion ausgeführt worden sei. ́

Nach Angaben der russischen Armee feuerte die Ukraine fünf Raketen ab, von denen vier von der Luftabwehr über dem Meer abgefangen worden seien. Sewastopol sei „am helllichten Tag mit ballistischen Raketen mit Streumunition“ angegriffen worden, sagte Raswoschajew. Trümmerteile der abgeschossenen Raketen seien auf die Küstengebiete herabgestürzt. Dabei sei ein Gebäude in Brand geraten. Fünf Kinder müssen demnach auf der Intensivstation behandelt werden.

Von russischen Medien veröffentlichte Videos zeigen Menschen an einem Strand, die nach Explosionen die Flucht ergreifen. Die Nachrichtenagentur AFP konnte die Echtheit der Aufnahmen zunächst nicht überprüfen.

Die Verantwortung für den „absichtlichen Raketenangriff auf Zivilisten in Sewastopol“ trage neben Kiew in erster Linie die US-Regierung, die „diese Waffen an die Ukraine geliefert hat“, teilte das russische Vereinigungsministerium mit Blick auf die ATACMS-Raketen mit. Die Flugdaten für diese Raketen würden „von US-Spezialisten auf der Grundlage von Daten der US-Satellitenaufklärung“ eingegeben. „Solche Aktionen werden nicht unbeantwortet bleiben“, fügte das Ministerium hinzu. Das russische Ermittlungskomitee teilte mit, es habe eine Untersuchung wegen eines „Terrorakts“ eingeleitet.

Weder die USA noch die Ukraine äußerten sich zunächst zu dem Raketenangriff auf Sewastopol. Die Schwarzmeerstadt wird von der ukrainischen Armee regelmäßig ins Visier genommen. In der Hafenstadt befindet sich das Hauptquartier der russischen Schwarzmeerflotte. Die Krim ist ein wichtiger logistischer Knotenpunkt für die russische Armee.

Auch aus anderen russischen Regionen wurden am Sonntag ukrainische Angriffe gemeldet. Bei Drohnenangriffen in der grenznahen Region Belgorod wurden nach Angaben von Gouverneur Wjatscheslaw Gladkow ein Mensch getötet und drei weitere verletzt. Die ukrainische Armee nimmt regelmäßig die Region Belgorod unter Beschuss, die an die ukrainische Region Charkiw grenzt. Dort hatte Moskau am 10. Mai eine Bodenoffensive gestartet.

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