Polaschek will noch Freizeitpädagogik-Reform durchsetzen

Minister Polaschek hat sich bis Herbst noch einiges vorgenommen © APA/EVA MANHART

Bildungsminister Martin Polaschek (ÖVP) will die verschränkte Ganztagsschule vorantreiben, bei der sich über den Tag Unterricht, Lern- und Freizeit abwechseln. Für einen Ausbau im großen Stil brauche es jedoch die geplante Reform der Freizeitpädagogik, bei der die Gewerkschaft bremst. „Solange ich Minister bin, werde ich für das Modell kämpfen“, so Polaschek zur APA. Der aktuelle Vorschlag sieht auch ein Zuckerl für Eltern vor: Der Betreuungsteil soll für alle gratis werden.

Noch ist die verschränkte Ganztagsschule in Österreich nur ein Minderheitenprogramm, 2.400 Schulen mit Betreuung am Nachmittag stehen 224 „echten“ Ganztagsschulen gegenüber. Gerade diese Form brächte aber besser Bildungschancen für Kinder von Eltern mit niedrigem Bildungsabschluss oder Migrationshintergrund. Die Ganztagsschule „groß zu denken“ ist laut Polaschek allerdings nur in einer neuen Struktur möglich.

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Ziel seiner von Ländern und Gemeinden unterstützten Reform ist, dass sich die Freizeitpädagogen nicht mehr nur im reinen Freizeitteil (in der Regel nachmittags) um die Schülerinnen und Schüler kümmern, sondern sie auch am Vormittag etwa beim Üben unterstützen oder bei Lehrausgängen begleiten können. Außerdem soll das gesamte pädagogische Personal an den Pflichtschulen (v.a. Volks- und Mittelschule) über den Stellenplan beim Land und nicht mehr über externe Organisationen angestellt werden. Durch das neue Modell soll es auch erstmals langfristige Finanzierungssicherheit für Ganztagsschulen geben.

Der aktuelle Vorschlag sieht laut Polaschek vor, dass die Länder selbst über den Umstieg entscheiden können. Wien, wo es bei weitem die meisten „echten“ Ganztagsschulen gibt, soll die Freizeitpädagogen auch überzahlen können, um das aktuelle Gehaltsniveau halten zu können. Für Eltern soll, nachdem der Bund die Personalkosten am Nachmittag trägt, der Betreuungsbeitrag an allen Ganztagsschulen wegfallen. Man sei schon weit gekommen, hofft Polaschek weiter auf eine Einigung. Gegen den Widerstand der Gewerkschaft werde es die Reform jedenfalls nicht geben, „das hätte keinen Sinn“.

Zu den Gesetzesvorhaben, die Polaschek trotz des aktuellen Koalitionsclinchs noch durchbringen will, gehört eine Digitalisierungsnovelle. Sie soll für Schulen und Eltern weniger Zettelwirtschaft vor allem zum Schulbeginn bringen, etwa durch Vereinfachungen bei der Datenerfassung und digitale Zeugnisse. Die Novelle ist derzeit in Begutachtung und soll noch im letzten Plenum vor der Sommerpause beschlossen werden.

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Polaschek hofft, dass über einen Abänderungsantrag auch die geplante Reform der Vorwissenschaftlichen Arbeit (VWA) bei der AHS-Matura noch Anfang Juli beschlossen werden kann. Die Jugendlichen sollen, geht es nach Polaschek, künftig zwischen der bisherigen 40.000 bis 60.000 Zeichen lange schriftliche Arbeit zu einem bestimmten Thema oder anderen Arten von Projektarbeiten wählen können. Die Grünen haben hier bereits grundsätzlich Zustimmung signalisiert.

Ebenfalls noch durchbringen will Polaschek ein großes Lehrerdienstrechtspaket. Durch Einführung von Administratoren-Stunden auch an den Pflichtschulen sollen dort die Schulleitungen bei der Unterrichtsorganisation entlastet werden. Außerdem enthält es die Anfang des Jahres angekündigten „Schutzmaßnahmen“, durch die ein Ausbrennen von Junglehrern verhindert werden soll, die schon nach den Bachelorabschluss unterrichten und berufsbegleitend ihr Masterstudium absolvieren. Alle notwendigen Gesetzesvorschläge seien dem zuständigen Beamtenministerium übermittelt worden, betont Polaschek. Dort hieß es auf APA-Anfrage allerdings, es gebe „noch keine Gespräche zu substanziellen Vorschlägen“.

Schon jetzt unter Kontrolle sieht Polaschek den Lehrermangel in bestimmten Fächern und Regionen. Es gebe in etwa gleich viele Stellen zu besetzen wie Lehramtsabsolventinnen und -absolventen, nur eben nicht immer für die richtige Schulart bzw. das richtige Fach, so Polaschek. Lücken würden durch Lehramtsstudierende und Quereinsteiger, die davor auf ihre Qualifikation geprüft werden, geschlossen. 700 davon waren in diesem Schuljahr im System, insgesamt gibt es 125.000 Lehrer. Durch die Digitalisierung der Anmeldung und einheitliche Bewerbungsfristen könnten die Bildungsdirektionen außerdem nun flexibler und schneller planen. Optimistisch stimmt Polaschek auch die Entwicklung der Studienanfänger bei den Lehramtsstudien mit einem Plus von 17 Prozent (plus 950 Personen). „Wir haben im vorigen Jahr alle Unterrichtsstunden abhalten können und wir werden auch in diesem Unterrichtsjahr alle Stunden abhalten – es ist nicht leicht, aber wir haben es im Griff.“

Unter Beobachtung hat Polaschek die zuletzt angespannte Situation an den Wiener Pflichtschulen durch den vermehrten Familiennachzug, die Lehrergewerkschaft hat gar vor einem „Kollaps“ gewarnt. Zu wenig Hilfe vom Bund hat es hier – anders als von NEOS-Bildungsstadtrat Christoph Wiederkehr beklagt – aus Sicht des Ministers nicht gegeben. Von Wien habe es bis zuletzt nur „in einigen kleinen Bereichen“ die Bitte um Unterstützung gegeben, dem sei das Ministerium auch nachgekommen. Zusätzliches Lehrpersonal bekomme die Stadt im nächsten Schuljahr ohnehin aufgrund der gestiegenen Schülerzahlen und über den Finanzausgleich seien zuletzt auch Sekretariatskräfte und Unterstützungspersonal aus Schulpsychologie und -sozialarbeit ausgebaut worden.

In der jüngst wiederaufgeflammten Debatte um verpflichtenden Ethikunterricht greift für Polaschek die etwa von den NEOS erhobene Forderung nach einem zusätzlichen Fach ab der Volksschule zu kurz, um mehr ethisches- und Demokratiebewusstsein zu verankern. Die Kinder hätten ein Recht auf Freizeit und man dürfe auch die Schulen nicht überlasten, warnte er vor Extrastunden. In einer nächsten Legislaturperiode könne man eine Erweiterung des bestehenden Modells auf die anderen Schulstufen andenken. „Momentan sammeln wir dafür Erfahrungswerte“.

Derzeit ist Religion für Angehörige einer Religionsgemeinschaft ein Pflichtgegenstand, von dem man sich aber abmelden kann. Ab der Oberstufe muss im Fall einer Abmeldung bzw. von Schülern ohne Bekenntnis der Ethikunterricht besucht werden. Der konfessionelle Religionsunterricht an den staatlichen Schulen selbst steht für Polaschek nicht zur Debatte. Dieser sei verfassungsrechtlich garantiert und er halte es auch für gut, wenn dieser in einem staatlich kontrollierten Rahmen stattfinde. Immerhin sei dort etwa die Gefahr einer Radikalisierung wesentlich geringer.

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